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Datum:
15.06.1996
Ort: BRD, Gaildorf
Heftige
Diskussion um einen rätselhaften Himmelskörper - "Keine Halluzinationen"
Von unserem Redaktionsmitglied Klaus Michael Oßwald
GAILDORF. Die mysteriöse Erscheinung am Himmel über Gaildorf, die am Samstag
abend von einer 30köpfigen Gruppe beobachtet worden ist (wir berichteten),
sorgte gestern im Limpurger Land für jede Menge Gesprächsstoff. Während
sich einige Leser ernsthafte Gedanken über den rätselhaften Himmelskörper
machten, meldete sich einer mit dem abfälligen Hinweis, die Ursache zu
kennen: Ein Geburtstagsscherz sei es gewesen, ein Pergament-Heißluftballon.
Ein anderer Leser berichtete, er habe zusammen mit seinem Nachbarn schon
am Nachmittag ein Flugobjekt ausgemacht, auf das die gestern veröffentlichte
Beschreibung passe. In einer andere Richtung zielt die Nachricht, wonach
es sich um in dieser Jahreszeit häufig zu beobachtende, sogenannte nachtleuchtende
Wolken gehandelt haben könnte ...
Fest steht: Seit Phänomene - sei es ein Nordlicht oder ein Komet oder
neuerdings ein Laserspektakel - am Nachthimmel beobachtet werden, stehen
sich zwei, wenn nicht drei Lager gegenüber. die einen glauben an die Existenz
außerirdischer Kulturen, die anderen erklären Unbekanntes mit naturwissenschaftlichen
Erkenntnissen, und dann gibt es noch jene, die beides für möglich halten.
In aller Regel wird dabei die Diskussion anonym geführt - man läßt sich
schließlich nicht gern als Spinner stigmatisieren.
Die wohl plausibelste Erklärung für das nächtliche Phänomen, sollte es
- wie von unserem Leser geschildert - beobachtet worden sein, fand nun
der Gaildorfer Funkamateur Erwin Frey. Er vermutet, daß es sich um Wolkenformationen
handeln könnte, die in 80 Kilometern Höhe - in der Ionosphäre - von der
Sonne angestrahlt werden wie Satelliten und heller leuchten als Sterne.
Besonders in dieser Jahreszeit sowie an Herbsttagen wenn kalte und wärmere
Luftschichten aufeinandertreffen, sei dies keine Seltenheit. Frey weiß
wie seine Funkerkollegen, daß solche Erscheinungen eine UKW-Verbindung
über weite Strecken ermöglichen; so hatte er bei ähnlichen Vorkommnissen
bereits Gelegenheit, beste Kontakte nach Griechenland oder in die Tschechei
herzustellen.
Das gleiche Bild, wie es sich am Samstag abend den 30 Leuten beim Spöcker
Spielplatz präsentiert hat, will bereits am Nachmittag zwischen 16 und
17 Uhr ein Mann zusammen mit seinem Nachbarn in Großaltdorf gesehen haben.
Das "Ding" habe sich von Winzenweiler und Eutendorf her in Richtung Geildorf
bewegt - geräuschlos. Es habe kurz gestoppt und sei dann weitergeflogen.
Seltsam erschien dem Mann, der sich seit Jahren mit Astronomie und Raumfahrt
beschäftigt, danach folgendes: Obwohl samstags sonst nie der Fall, habe
er spätnachmittags ungewöhnlich häufig Militärjets am Himmel über Gaildorf
wahrgenommen (Hinweis auf ein erhöhtes Flugaufkommen der Militärs gab
es tatsächlich etliche am Wochenende).
Mißtrauisch geworden, blätterte er in dem Standardwerk des zwar nicht
unumstrittenen, doch aber selbst bei Kritikern anerkannten Autors Carl
Sagan ("Unser Kosmos") und fand die Abbildung eines Flugobjekts, das er
als das identifizierte, was er gesehen habe: knapp 200 Meter lang, kupferfarben
und in einer Höhe von zehn bis 15 Kilometern fliegend. Unter Ausschluß
der Öffentlichkeit realisierte Zukunftspläne, die bei der NASA lange Zeit
in den Schubladen lagen? Oder, wie Sagan spekuliert, "Zeitreisende aus
der Zukunft"? Der Beobachter, der sich nicht in Spekulationen versteigen
möchte, glaubt in erster Linie das, was er sieht. Und doch gibt es für
ihn noch eine ganze Reihe ungeklärter Fragen.
Szenenwechsel: "Glaubt ihr denn alles, was man euch erzählt?" Der Grund
für das stolz triumphierende Grinsen eines anderen Mannes, der gestern
in der Innenstadt Vertreter unsere Zeitung auf den Bericht über die Beobachtungen
der 30köpfigen Gruppe am späten Samstag abend ansprach: Es sei ein Pergament-Heißluftballon
gewesen, der ihm zu Ehren - er habe Geburtstag gehabt - aufgestiegen sei,
nichts anderes. Eine junge Frau, die daneben stand, mußte bei dieser Gelegenheit
noch den höchst vielsagenden Satz loswerden, wonach sie - man höre und
vergesse schnell wieder - deutlich gesehen habe, wie "grüne Männchen"
aus dem Ballon gewunken hätten. - Daß sich an diesem Abend 30 Leute ob
einer (dieser oder doch einer anderen) Himmelserscheinung ernsthafte Gedanken
gemacht haben könnten, interessierte die fröhliche Runde gestern indes
nicht. Es müssen, so der spürbare Tenor, halt doch Ufo-Spinner gewesen
sein, die ätsch! nichts von dem Ballon gewußt haben. Dies steigerte selbstredend
den Unterhaltungswert.
Die Ballonvariante indes schließt der Beobachter, der am Montag gegenüber
unserer Zeitung berichtet hatte, energisch aus: "Wir hatten doch keine
Halluzinationen!" Ein Ballon fliege nie und nimmer so schnell, wie es
das bislang unbekannte Objekt am Samstag abend getan habe, und schon gar
nicht in dieser Höhe (wie berichtet, sollen es etwa 10 Kilometer gewesen
sein).
Die Bandbreite der gestrigen, von einigen Lesern zum Teil emotional geführten
Diskussion war enorm groß - auf der einen Seite von wissenschaftlicher
Gelassenheit geprägt, auf der anderen von fast aggressiver Presseschelte:
"Wie könnt ihr so einen Mist schreiben!" Von Toleranz gegenüber den Beobachtern,
die ihre Darstellung gestern erneut unterstrichen, keine Spur.
Was bleibt, ist die Faszination des zunächst Unerklärlichen. Was ebenso
bleibt, ist die Anonymität, in der die Beobachter verharren möchten -
die ernsthaften ebenso wie die Scharlatane. Übrigens: Die nächtliche Himmelserscheinung
kommt bestimmt!
Quelle: Gaildorfer Rundschau 20.06.1996
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